Polaroids

a story I never told no one

 

Polaroids haben in der Welt der unbegrenzten Vervielfältigung und Beliebigkeit einen grossen Vorteil: Jedes Bild ist ein Unikat. Also wie ein Gemälde, eine Kalligraphie, eine Zeichnung. Die SX-70 Polas sind für mich unvergleichlich erotisch. Sie erfordern bei der fotografischen Arbeit einen gewissen Kontrollverlust, da das Ergebnis nicht vorhersehbar ist. Ein paar Grad wärmer oder kühler bei der Entwicklung, und die Farbe kippt in die eine oder andere Richtung. Das Rubbeln des sich entwickelnden Polas an verschiedenen Körperstellen beeinflusst das Ergebnis manchmal grundlegend, manchmal auch nicht. Aber es verschafft immer ein intensives Gefühl: Vorfreude, Enttäuschung, Euphorie.

 Die Farbigkeit und relative (Un)Schärfe verleihen den Bildern einen unverwechselbaren Charakter, eine Sinnlichkeit, etwas Malerisches. Bei schlechtem Wetter wächst Polaroidfilm über sich hinaus und produziert Farblosigkeit oder nie erreichtes blau oder gelb stichiges Pastell.

 Da Polaroidfilme zudem vergleichsweise teuer sind, zwingt das Material auch noch zur Sparsamkeit, zur Vorüberlegung, zur Konzentration.

 Polaroid und ich hatten eine wunderbare Zeit miteinander.

 

 

Das Dilemma des Bildlesers

Klaus Ditté arbeitet neben seiner künstlerischen Tätigkeit als Werbefotograf. Die Werbefotografie ist wohl am ehesten das Medium, welches mit grossformatigen Gesten unsere Wertungen und unser Selbstverständnis prägt.

 Schauen wir uns Dittés künstlerische Bilder an, so haben sie wenig mit Glanzablichtungen im Stil der Reklame zu tun. Statt dessen setzt der Künstler malerisch wirkende Fotografien, oft Polaroids, zu irritierenden Ensembles zusammen, die zunächst wirken wie Tatort Dokumentationen, die eine Geschichte erzählen. Diese Deutung stellt sich bei näherem hinsehen jedoch als Trugschluss heraus. Wir haben es nicht mit Zeugnissen tatsächlicher Ereignisse zu tun Die lesende Rekonstruktion der Bildgeschichten Dittés geht in die Irre und kommt zu keinem befriedigenden Abschluss. Denn der Künstler opfert in seinen Serien den Alltagssinn der Motive zugunsten einer Verzauberung, die auf ein ungelöstes, unlösbares Mysterium jenseits der gewöhnlichen Anschauung zu deuten scheinen. Darin gleichen sie dem Traum, besser noch der poetischen Dichtung.

 Das Rätsel das der Künstler dem Betrachter zumutet, ist keineswegs willkürlich. Die Auswahl der Bilder zu einem Ensemble begründet ein komplexer Formenbezug. Der Künstler arbeitet seine Serien zu Kompositionen um, die sich allein ästhetisch schlüssig einfangen lassen.

 Das, was die Einzelbilder trotz ihrer Rätselhaftigkeit als eine plausible Einheit erscheinen lassen, ist ihre formale Logozität. Was in Dittés Serien der Sprache willkürlich entzogen wird, ein verbal einholbarer Sinn, erfüllt sich im Ästhetischen, öffnet sich dem Auge, das keine andere Sprache kennt als Farbe und Form.

 Dr. Berhard Stumpfhaus, Kunsthistoriker, Frankfurt/M